Meine Ballonfahrt

 

Ich weiß nicht mehr wann es war, jedenfalls waren die Zeiten noch besser, denn ich war noch im Dienst. Im AIS hatte man zu Piloten und Besatzungen das beste Verhältnis, wenn man gut war und sie unterstützte, was Routen, Einfluggenehmigungen, also Flugplanung in jeder Hinsicht anbelangte.

Zur damaligen Zeit mussten auch die so genannten Sportflieger, selbst wenn sie nach Sichtflugregeln ins angrenzende Ausland flogen, einen Flugplan aufgeben; diesen Vorschriften unterlagen auch Ballonfahrer, die ins angrenzende Ausland oder darüber hinaus fahren wollten. Nach dem Schengener Abkommen änderte sich dann sehr vieles.

Somit hatten wir eben auch gute Verbindungen zu diesen Piloten der Ballone und so ergab es sich, dass ich eines Tages zu einer solchen Ballonfahrt eingeladen wurde.

 

 

        Es war ein wunderschöner Tag, als der Termin gekommen war, nicht nur die Sonne schien und wir hatten einen azurblauen Himmel, auch meine Glückshormone hatten einen Höchststand erreich. Ich sollte mit anderen in einem Korb an einer Ballonwettfahrt teilnehmen und das auch noch während der Bayerischen Meisterschaften. Ich war schon viel zu früh am Startplatz, das hatte aber den Vorteil, dass ich die ganzen Vorbereitungen anschauen und z. T. mitmachen durfte. Auf einer kaum übersehbaren Fläche lagen bunte Ballonhüllen, die im Moment noch eher ausgebreiteten größeren Stoffen glichen.

Wie oft hatte ich schon mit Ballonfahrern über Funk gesprochen oder aber den Verfolgern geholfen die gelandeten Ballone zu finden, nun stand ich unter ihnen und ich durfte eine Fahrt mitmachen. Das waren so Momente, wo ich meinen Beruf noch weitaus mehr liebte als sonst schon. Ich schaute in diesen azurblauen Himmel, der auch hier durch keine Wolken getrübt war; bald, in wenigen Stunden, würde ich auch irgendwo dort oben in einem Korb unter einer riesigen Ballonhülle stehen und in eine Richtung fahren, die uns die Luftbewegung –also der Wind – vorgeben würde.

Ich weiß nicht wie die Zeit vergangen ist, unsere beiden Söhne waren auch mit dabei, leider war im Korb kein weiterer Platz, ich hätte sie so gerne mitgenommen, aber es ging nicht und ich konnte nicht einen meiner Söhne statt meiner in den Korb bringen, man hätte es von Seiten des Piloten, der mich eingeladen hatte, nicht verstanden.

Jedenfalls wurden nun überall große Ventilatoren vor die Öffnungen der Ballonhüllen gestellt und so blies man Luft in die Ballonhülle. Es dauerte lange, jedenfalls kam es mir so vor, bis sich ein wenig Stoff hob, noch viel länger dauerte es bis sich Luft im oberen Teil der Hülle zeigte in Form einer kleinen Halbrundung. Später legte man den Korb mit dem Gasbrenner auf die Seite, der Brenner zeigte in Richtung Öffnung. Mehrere Personen hoben wiederum die untere Öffnung auf einer Seite an und dann wurde heiße Luft in das Innere der Ballonhülle geblasen. Es dauerte wiederum  eine ganze Zeit, vielleicht war ich ja auch zu ungeduldig, nun fieberte ich förmlich der Ballonfahrt entgegen.

Jetzt waren wir an dem Punkt angelangt, wo sich die Ballonhülle schon ganz schön hob, es schienen einige Kräfte einzuwirken, denn schließlich hob sich die gesamte Hülle, der Korb mit den Gasflaschen und dem Brenner hing nun nur noch mit dem unteren Rand auf der Erde und dann, dann stellte sich der Ballon ganz auf und zerrte an den Seilen, aber die Damen und Herren hatten die Angelegenheit voll im Griff. Dann stand der Korb wieder senkrecht auf dem Grasboden. Ein Mann stand urplötzlich im Korb und regelte alles von dort. Ich hatte während der ganzen Zeit auf den Ballon geachtet, mit dem ich auch fahren sollte und ich hatte es gar nicht wahrgenommen, dass auch schon viele andere Ballone in den verschiedensten Farben senkrecht über den Körben standen. Hin und wieder hörte man den Brenner, nämlich dann, wenn heiße in die Hülle geblasen wurde. Dabei musste genau darauf geachtet werden, dass die Luft in der Ballonhülle nicht zu heiß wurde, denn dann hätte dieser spontan das Bestreben abzuheben und das mit dem Korb und dem Piloten. Es war ein herrliches Bild.

Erst viele Jahre später habe ich in Bad Wiessee während einer Montgolfiade ein solches Bild noch einmal erlebt. Damals blieb ich bis in den tiefen Abend dort und bestaunte auch noch das Ballonglühen.

Jetzt aber stiegen außer mir noch 2 weitere Personen in den Korb. Ich dachte bei mir: „Jetzt geht es gleich los, jetzt wird die Ballonfahrt Wirklichkeit und niemand wird dich wieder hier aus dem Korb holen. Es wurde laut um mich herum. Die Brenner machten einen höllischen Lärm, es musste aber ja nun auch wirklich die Luft in der Ballonhülle erwärmt werden bevor er mit dieser Last abhob in den blauen, klaren Himmel.

Wohl 2 oder 3 Ballons starteten vor uns, eine Reihenfolge konnte ich nicht erkennen. Der Pilot hatte nur wenige Instrumente hier im Korb, ich konnte einen Höhenmesser und einen Kompass erkennen, weiterhin hatte er natürlich ein entsprechendes Funkgerät um Kontakt auf einer hierfür vorgesehenen Frequenz zu bekommen mit der Flugsicherung oder auf einem anderen Gerät mit den erwähnten Verfolgern.

Dass sich die „Verfolger“ mit einem Auto in Bewegung gesetzt hatten, das hatte ich gar nicht bemerkt. Der Korb wackelte nur wenige Zentimeter über dem Grasboden, dann hoben wir verhältnismäßig schnell ab. Wir schwebten jedenfalls in zunächst geringer Höhe über den Boden, die Höhe nahm dann erstaunlich schnell zu, das war ja auch wiederum notwendig, weil in nicht zu großer Entfernung einige Hindernisse wie Bäume oder Häuser auftauchten und die mussten wir nun unbedingt in größerer Höhe passieren. Wenn man hier in dem Korb stand, dann hatte man nach oben hin zunächst keine gute Sicht, die wurde durch die riesige Hülle behindert. Auf meine Frage hin erklärte mir der Pilot dann, dass er sich nach den Schatten auf dem Erdboden richtete. Und tatsächlich, mir war es noch nicht aufgefallen, aber ich sah den Schatten „unseres“ Ballons und dann entdeckte ich auch weitere Schatten weiterer Ballone. Daran konnte man abschätzen wie weit oder wie nahe uns andere Ballons waren.

Mittlerweile hatten wir eine beachtliche Höhe erreicht. Erst jetzt, ich hatte wieder angefangen zu denken, merkte ich wie still es hier oben war. Nur der Brenner störte diese Stille in unregelmäßigen Abständen. Wir riefen den Menschen unten auf dem Feld etwas zu und ich wunderte mich schon wieder, wie gut man sie hier oben verstand. Ich hatte mich auch empfindungsmäßig von dem Erdboden getrennt, in dieser so wunderbaren Stille bewegten wir uns in Richtung Nordosten. Ich kam mir leicht vor wie eine Feder, ich hatte den Eindruck ich schwebte, obwohl ich doch mit den Füßen fest auf dem Boden des Korbes stand.

Der Pilot holte kleine Blätter aus Toilettenpapier geschnitten aus der Tasche und warf sie über den Korbrand. Meinem erstaunten Gesichtsausdruck hatte er wohl entnommen, dass ich ihm nun eine weitere Frage stellen würde und er antwortete ohne die Frage abzuwarten: „In den verschiedenen Luftschichten haben wir unterschiedliche Richtungen der Luftbewegung und so kann man ungefähr eine Richtung beibehalten oder sie vielleicht auch ändern“. Ich stellte dann selbst auch fest, dass man sogar auf diese Art und Weise eine gewisse Geschwindigkeit der Luft feststellen konnte, falls sie denn vorhanden war. Jetzt war der Himmel rund um uns voll mit bunten Ballonen, sie fuhren breit gefächert neben- und hintereinander. Überholen gab es ja zunächst nicht, denn wir fuhren wirklich mit der Luftgeschwindigkeit und das war ja auch das Phänomen der himmlischen Ruhe um uns im wahrsten Sinne des Wortes.

               Dann wurde es etwas turbulent im Korb, denn nach alter Sitte werden die Menschen, die im Korb an solch einer Ballonfahrt teilnehmen, auch getauft. Hin und wieder geschieht dies im Korb, wenn Platz genug ist, ansonsten wird diese Zeremonie am Boden nach der Rückkehr durchgeführt. Wir fuhren in dem Ballon D-SALZACH und während der Zeremonie wurde ich getauft auf den Namen: Rudi „Kurfürst“ zu Altötting. Man bekommt häufig den Namen des Gebietes als Namen zuerkannt, über dem man getauft wird oder über das man gefahren ist.

 

(Im Anschluss verliere ich noch ein paar Worte über die Ballontaufe).

 

 

Wir legten wunderbare 11 Kilometer zurück während unserer Fahrt und bewegten uns in einer Höhe von ca. 750 m NN, unsere Geschwindigkeit betrug im Mittel 15 km/h. Ich muss sagen es kam mir nicht so schnell vor und auch nicht so hoch. Ich befand mich auch während der ganzen Zeit in einer Art Rausch, denn das Erleben vom Erdboden abgehoben zu sein und sich im Luftraum zu bewegen ohne jedes Geräusch, das war schon einmalig. Nicht einmal in einem Segelflugzeug ist es so leise wie eben in diesem Korb, der unter dem D-SALZACH hängt. Ich hätte Stunden und aber Stunden in diesem Korb bleiben können. Wir schwebten lautlos über die Felder, über Häuser und Wälder hinweg. Manchmal waren wir in geringer Höhe und manchmal befanden wir uns hoch im Himmel oder fachlich ausgedrückt in der *Tropopause.

Leider geht die Zeit, gerade wenn sie sehr schön und erlebenswert ist, auch sehr schnell vorüber. Der Pilot bereitete sich und den Ballon und natürlich auch uns auf die bevorstehende Landung vor. Das darf man sich nun nicht so vorstellen als wenn man mit einem Luftfahrzeug landet. Da gibt es einen Gegenanflug, der in einen Queranflug mündet und dann in Verlängerung der Landebahn in einem Endanflug endet.

 Hier mit dem Ballon sieht das etwas anders aus. Man benötigt eine nicht zu kleine Fläche auf der man den Korb aufsetzen kann. Sehr wichtig ist auch die Windgeschwindigkeit zu beachten und Erhebungen in der Landschaft wie z. B. Bäume, Leitungsdrähte und dergleichen mehr. Es wird nicht mehr so häufig die Luft in der Hülle erwärmt somit kühlt sich diese Luft zunächst wenig ab, was ein leichtes Sinken des Ballons zur Folge hat. Geschieht dieses zu schnell, dann muss die Luft wiederum etwas aufgeheizt werden. Das verlangt großes Können und ein gewisses Fingerspitzengefühl. Kurz bevor der Boden berührt wird zieht der Pilot an einer Art Reißleine, die Ballonhülle wird oben etwas geöffnet und die heiße Luft entweicht sehr schnell. Ganz wichtig ist, dass, sobald der Korb die Erde berührt, darauf geachtet wird, dass der Wind nicht in die Ballonhülle greift und den Korb über die Erde schleift. Es ist schon vorgekommen, dass der Korb auf die Seite gelegt wurde, was für die Insassen nicht ungefährlich ist. In unserem Fall waren die Verfolger schon da und erwarteten uns. Ich habe dieses ganze Manöver nicht so richtig mitbekommen, da ich viel zu aufgeregt war. Ich konzentrierte mich auf die Anweisungen des Piloten und folgte ihnen, so ging eben auch alles gut.

Als ich aus dem Korb stieg war ich noch nicht richtig ansprechbar. Ich war immer noch da oben in der Luft und ich bin mir nicht sicher ob ich nicht ein wenig schwankte. Der Ballon wurde zusammengelegt und im Korb verstaut und dieser wiederum kam auf einen kleinen Anhänger der hinter einem Auto angehängt war.

Ich fühlte mich „hier unten“ so gar nicht wohl. Es war laut und das störte mich, das wurde während der Rückfahrt im Auto noch extremer. Es ging alles sehr schnell und man konnte nicht alles wahrnehmen. Ich war wieder in einer Welt, die mir innerhalb ganz kurzer Zeit fremd geworden war, bis heute weiß ich nicht, wie das mit mir geschehen konnte. Früher, als ich aus anderen Flugzeugen stieg und wieder Betonboden unter den Füßen verspürte, hatte ich derartige Empfindungen nicht. Sicher, da oben war es schöner, es war alles weiter und freier, aber der Unterschied war nicht so groß, man hörte das Triebwerk des Luftfahrzeuges und man flog mit Geschwindigkeiten um die

850 km/h. Das war dann nicht die Natur, die ich hier im Korb erleben durfte.

              Ich war froh als wir wieder am Startplatz ankamen und ich das Auto verlassen durfte. Während der Rückfahrt war ich mit meinen Gedanken immer noch „im Himmel“. Gott sei Dank kamen sofort meine beiden Söhne und ich fand ganz schnell in die Realität zurück.

             In dem kleinen Büro am Startplatz bekam ich dann noch eine goldene Anstecknadel und eine kleine Urkunde mit Fahrtbericht ausgehändigt. Ich halte beides hoch in Ehren.

Erzählt habe ich über diese Fahrt mit dem „D-Salzach“ zu dem Zeitpunkt wohl kaum etwas, ich habe es als wunderschön abgetan und das war mit Sicherheit nicht ausreichend. Auch später habe ich nicht viel erzählt darüber, denn diese Empfindungen kann man nicht sehr gut erklären, ich bin auch nicht sicher, ob sie von einem verstanden werden, der noch nie mit einem Heißluft-Ballon gefahren ist.

Ich hatte nie wieder die Chance an einer Ballonfahrt teilzunehmen, somit war und bleibt es ein einmaliges Erlebnis der Sonderklasse, das ich nicht missen möchte.

 

 

 

 

 

 

 

Noch ein paar Worte über die Ballontaufe:

Die Ballontaufe verläuft von Region zu Region etwas unterschiedlich. Ich kann hier auch nur das wiedergeben, was ich zu hören bekommen habe.

Der zu Taufende kniet sich in den meisten Fällen auf den Boden, allerdings nur mit einem Knie. Bei einer Erhebung in den Ritterstand ist das ähnlich und das ist auch hier die Erklärung dafür, denn man bekommt ja, wie schon erwähnt, eine Art „Blaublutnamen“. Manchmal sind es Phantasienamen, manchmal bezieht sich der Name eben auf das Gebiet über das man sich gerade hinweg bewegt oder über das man sich hinwegbewegt hat.

Dieser Brauch soll sich auf ein Gesetz von König Ludwig XVI. beziehen. Dieser König Ludwig erlaubte nämlich das Fahren mit dem Ballon nur dem Adel. Geld regierte schon damals die Welt.

Diese Taufe wird mit dem Element Feuer und Wasser verbunden. Man kann es betrachten als Huldigung an das Feuer, das den Ballon in die Luft steigen lässt. Nach alter Väter Sitte opfert hier z. B. der Täufling eine Locke, die in die Flamme gehalten wird. Mit Wasser, häufig hörte ich, daß man auch Sekt hernimmt, wird die Locke abgelöscht. Das wiederum hat den Vorteil, daß man anschließend mit Sekt anstoßen kann.

Aus dieser Taufe entstehen natürlich auch gewissen Pflichten. Man muß z. B. seinen Namen, der aus der Taufe resultiert, kennen, wenn man mit Ballonfahrern zusammen kommt und man danach gefragt wird, ansonsten kostet das mindestens eine Runde. Daß man nicht die Vokabel „fliegen“ benutzt liegt eigentlich auf der Hand, denn Heißluftballone fliegen nicht wie ein Flugzeug mithilfe der Aerodynamik sondern sie bekommen ihren Auftrieb durch die warme Luft in der Hülle gegenüber der kälteren Luft außen, also eine Art Aerostatik; und da man sagt, daß alles, was leichter als Luft ist, fährt, fährt man auch mit dem Ballon angetrieben durch die sich bewegende Luft.

Die Gebrüder Montgolfiere sprachen übrigens von Luftmeeren, die sie befuhren.

 

 

 

 

* Tropopause ist die unterste Schicht der Erdatmosphäre.